Die Null-Diät

Die Null-Diät

Die Null-Diät
von Jürgen Lux, 1. Preis Wilhelm-Busch-Literaturpreis 1999

 

Hinz mit Frau und Hund und Heim
ging mit den Jahren aus dem Leim
verlor an Spannkraft und an Schick
und wurde breit und wurde dick.

„Frau“, sprach er drum, „mit dem Genuss
von Kalorien ist jetzt Schluss.
Ab heute leb‘ ich, eh’s zu spät,
ab heute lebe ich Diät.“

 

Und konsequent versucht er alles,
was Opfer eines solchen Falles
auf unbequemen Schmalkostwegen
sich murrend anzutuen pflegen:

Da gab’s Salat aus Lauch und Kressen,
in Gramm gewog’nes Trennkostessen,
Gemüse, Müsli, Korn, Zermatschtes,
und Schlankheitsdrunk und Weight-Gewatschtes

 

Und Sauerkraut und Quark und Wurzeln.
Und siehe da: die Pfunde purzeln,
sogar recht schnell, doch noch viel schneller
ging auch die Stimmung in den Keller.

Sein Zustand wurde schlimm und schlimmer:
Von Lebensfreude keinen Schimmer.
Er fand mit Mosern und mit Motzen
sich und die Welt zum Kotzen.

 

„Mann“, sprach die Frau, „hör‘ auf
zu hungern und in Diäten ‚rumzulungern:
denn dein Genörgel und Gemecker
geht mir allmählich auf den Wecker.“

Gesagt, getan. Doch die Idylle
zerstört bald neue Leibesfülle,
denn der Jojo-Effekt beschwor,
dass er noch dicker als zuvor.

 

Herr Hinz kratzt sich im feisten Nacken:
„Verdammt nochmal, ich muss es packen!“,
und er beschliesst, dass ab sofort
sein Heil zu suchen sei im Sport.

Da wird geturnt, gejoggt, geschwitzt,
wie blöde durch den Wald geflitzt,
und auch beim Tennis und beim Skwoschen
bis zur Erschöpfung rumgedroschen,

 

Selbst noch nachts betreibt er hastig –
und zwar alleine – Bettgymnastik,
kurzum, es wird mit voller Wucht
der selbstdiktierte Sport zur Sucht.

Sein Aussehen wurde derb und kantig,
sein Wesen wurde herb und grantig,
so dass sein Weib in Trauer schniebte:
„Du bist nicht der, den ich einst liebte.

 

Hör‘ auf mit deinem blöden Sport,
sonst hau‘ ich ab, und zwar sofort!“
Das wollte Hinz auf keinen Fall,
und hörte auf und wurde drall.

So drall, wie niemals zuvor.
Er kratzt sich mühsam hinter’m Ohr
– (wir wissen’s, der Jojo-Effekt!) –
und sprach: „Ich mach’s mit Intellekt,

 

Will transmental mich tief versenken
und mich ganz einfach schlanker denken.
Da hat das Dicksein keine Chance!“,
und machte „Om“ und fiel in Trance.

So dass er in sich selbst versunken,
hat nicht gegessen, nicht getrunken,
und war so dürr wie vordem feist
und war zum Schluss fast nur noch Geist.

 

Nun machte, allem Geist zum Trutz,
Frau Hinz vor kurzem Frühjahrsputz,
und sie betrat, wie sonst auch immer,
Zwecks Reinigung des Gatten Zimmer.

Als sie dem dürren Griesegram
staubsaugend nun zu nahe kam,
da macht es „plopp!“ und mit dem Dreck
saugt sie auch ihren Gatten weg.

 

„Ach“, sprach sein Weib, sein resolutes,
„auch dieses Ende hat sein Gutes,
was weg ist, muss ich nicht bestatten“,
und nahm sich einen neuen Gatten.

Und die Moral von der Geschicht‘?
Als Schlanker tot sein lohnt sich nicht,
zumindest nicht, solange man
als Dicker fröhlich leben kann!

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