Zuviel gesund ist ungesund

Zuviel gesund ist ungesund

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Artikel „Essstörung Orthorexia nervosa: Gefährlich gesund“ in SPIEGEL ONLINE vom 20. Februar 2013

[/vc_column_text][mk_blockquote style=“line-style“ text_size=“16″ align=“left“ width=“1/1″ el_position=“first last“]Kein Fleisch, kein Zucker, keine gekochten Mahlzeiten: Das Bedürfnis, sich gesund zu ernähren, kann zwanghafte Züge annehmen. Schon sprechen Mediziner von einer neuen Form der Essstörung: Orthorexia nervosa, krankhaftes gesund Essen. Doch die Diagnose ist umstritten.[/mk_blockquote]

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Der Originaltext aus SPIEGEL ONLINE im Zitat:

„Die junge Spanierin wog nur noch 27 Kilogramm als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die 28-Jährige hatte bei einer Größe von 1,59 Metern einen Body-Mass-Index (BMI) von 10,7, als normal gelten Werte jenseits der 20. Doch keine Magersucht hatte sie zu Haut und Knochen schrumpfen lassen – sondern der Zwang, sich perfekt zu ernähren. 

Wegen starker Akne hatte die Frau mit 14 Jahren begonnen, ihre Ernährung umzustellen. Erst verbannte sie Fette aus ihrem Speiseplan, dann Fleisch, später Eier und Milch. Schließlich aß sie nur noch ungekochte, vegane Rohkost – am liebsten Getreidekörner, die von der Pflanze auf die Erde gefallen waren. Essen wurde zunehmend zur spirituellen Handlung: Die richtige Nahrung bringe Frieden unter die Menschen, predigte die Frau. Mahlzeiten müssten langsam und meditierend zu sich genommen werden. Wegen ihres Berufs hatte sie für solche Rituale keine Zeit und aß oft nur einmal täglich. Ihre Monatsblutungen blieben aus, da wog sie 35 Kilogramm. Auf einer Indien-Reise bekam sie schließlich Durchfall, den sie durch Fasten heilen wollte. Ihre nächste Station: das Krankenhaus in Madrid. Die Diagnose: Orthorexia nervosa, eine Essstörung.

Den Begriff prägte der Mediziner Steven Bratman. Die betroffenen Menschen versuchen krampfhaft, nur Lebensmittel zu essen, die eine für sie perfekte Qualität haben. In seinem Buch „Health Food Junkies“ stellt er Kriterien für die Essstörung auf. Die Mahlzeiten sind demnach geprägt vom Verzicht. Nicht der Geschmack, sondern die Qualität der Ernährung steht im Vordergrund. Nur Bioprodukte, kein Fleisch, kein Zucker, kein Fett, nur Rohkost: Die Essensregeln werden immer strenger, die Auswahl an Lebensmitteln kleiner. Können die Regeln nicht eingehalten werden, plagen die Betroffenen Schuldgefühle. Während die Lebensmittel vermeintlich hochwertiger werden, sinkt die Lebensqualität. Der Wunsch, sich gesund zu ernähren, macht krank.

 

Die Diagnose ist umstritten

Bratman selbst berichtet von einer eigenen orthorektische Phase. Er aß nur noch ungekochtes Obst und Gemüse, das hinter seinem Haus wuchs. Zwischen Ernte und Verzehr seiner Rohkost durften nicht mehr als 15 Minuten liegen. Jeden Bissen jeder Mahlzeit kaute er 50-mal. Mit missionarischem Eifer wollte er Freunde und Familie von seiner Ernährungsphilosophie überzeugen. Am Ende war er allein und besessen, schildert er.

Offiziell gibt es die Diagnose von Bratman nicht. Unter Experten ist sie zwar bekannt, aber umstritten. In einer belgischen Studie gaben zwei Drittel von mehr als 100 befragten Fachleuten an, bereits orthorektische Patienten behandelt zu haben. Ebenso viele waren der Meinung, dass dieses Phänomen mehr Aufmerksamkeit erhalten sollte. Ein Viertel hielt die Störung für eine Erfindung der Medien.

Tatsächlich mangelt es an fundierter Literatur zur Orthorexie. Die wenigen Studien, die es gibt, haben vor allem untersucht, wie häufig das von Bratman beschriebene Verhalten in der Bevölkerung vorkommt – mit zweifelhaften Ergebnissen. In manchen Untersuchungen war jeder Zweite betroffen.

Düsseldorfer Psychologen haben nun einen Fragebogen entwickelt, um das orthorektische Essverhalten in Deutschland zu untersuchen. Die Schwelle von gesunder Ernährung zu krankhaftem Essverhalten liegt darin deutlich höher. Nur bei ein bis zwei Prozent der Befragten besteht der Verdacht auf eine orthorektische Essstörung. „Das ist ungefähr die Größenordnung, in der auch Magersucht oder Bulimie auftreten“, erklärt Mitentwicklerin Friederike Barthels.

 

Phänomen des Überflusses

„Man kann es mit allem übertreiben – auch mit guter Ernährung“, sagt die Psychiaterin Martina de Zwaan von der Medizinischen Hochschule Hannover. Wenn Menschen wegen ihrer eingeschränkten Ernährung schwere Mangelerscheinungen aufweisen, untergewichtig werden, sich aus dem Freundes- und Familienkreis zurückziehen und ihre Gedanken um nichts anderes mehr kreisen als die nächste Mahlzeit und Ernährungsfragen, dann könne man von einer Störung sprechen.

De Zwaan behandelt solche Patienten jedoch selten. „Denn wie Menschen mit Magersucht empfinden sich die Betroffenen nicht als krank. Sie gehen also nicht zum Arzt“, sagt de Zwaan. Sie könne sich vorstellen, dass viele Ernährungsberater bereits orthorektische Kunden hatten. Dort würden die Betroffenen sich über noch gesündere Ernährungsmethoden informieren.

Auch zeigt eine Studie, dass vor allem Menschen gefährdet sind, es mit gesunder Ernährung zu übertreiben, wenn sie sich besonders gut damit auskennen. Orthorektisches Essverhalten trat etwa unter österreichischen Diätassistentinnen deutlich häufiger auf als in der sonstigen Bevölkerung.

„Eine Essstörung wie die Orthorexie kann heute natürlich viel eher entstehen, als noch zu Nachkriegszeiten“, sagt die Düsseldorfer Psychologin Friederike Barthels. „Wir haben schließlich den Luxus, unsere Nahrungsmittel entsprechend unserer Vorlieben aussuchen zu können.“ Ob das Phänomen zunimmt, können die Forscher noch nicht sagen. Dafür mangelt es an zuverlässigen Daten.“

 

KOMMENTAR:

Auch bei mir in der Praxis wurde ich schon von Patienten besucht, welche zwanghaft versuchten, es „richtig“ zu machen. Das bezog sich aufs Essen wie auch aufs Leben selbst. Es unter allen Umständen richtig zu machen resultiert aber aus einer existenziell tief sitzenden Angst, einer Ohnmacht im irdischen Sein, weil die sogenannt „göttliche“ Perfektion einfach nicht erreicht werden kann. Ich verweise dann jeweils auf die zyklische Weisheit der Natur, welche den Verfall ebenfalls braucht, damit das Neue entstehen kann. Niemand würde behaupten, die Natur sei nicht perfekt, weil sie nicht das ganze Jahr über blüht und strahlt! Manchmal ist sie kalt und dunkel. Und manchmal fühlen wir uns selber von Kälte und Dunkelheit umgeben.

In unserem heutigen Wahn der Perfektion, wo schon Schwangerschaft wie Krankheit behandelt wird, meinen wir uns nicht mehr mit unseren Schattenseiten zeigen zu dürfen. Dabei – wer kennt sie nicht, die innere Hexe oder das Teufelchen auf der einen Schulter! Dazu habe ich auf der deutschen Tarot-Seite von Hajo Banzhaf die überhaupt schönste Definition des Teufels gefunden: Er ist die Summe unserer ungelebten Möglichkeiten!

Welches ist nun unsere ungelebte Möglichkeit beim zwanghaften Versuch alles richtig zu machen?

Meine persönliche Schlussfolgerung dazu: die insgeheime Verweigerung, in der „unperfekten“ Welt ganz anzukommen. Die Welt in ihrer Ganzheit, das heisst auch mit den Schattenseiten anzunehmen. Und insofern die Ablehnung des Weiblichen, das die Natur und somit die materielle Existenz bedeutet. Stattdessen unentwegtes Streben nach der göttlichen Perfektion, welches ausgerechnet zur umfassenden Kontrolle des Weiblichen (=Nahrungsaufnahme) führt.

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